Ein Kanal mit 50.000 Abonnenten und einer mit 8.000 können für einen gesponserten Beitrag denselben Preis verlangen — manchmal verdient der kleinere sogar mehr. Der Unterschied liegt nicht in der Reichweite, sondern darin, ob dieses Publikum wirklich liest, reagiert und teilt. Die reine Abonnentenzahl sagt darüber fast nichts aus.
Die Engagement-Rate (ERR) ist die Zahl, die Werbetreibende tatsächlich prüfen
Die Engagement-Rate — Reaktionen plus Weiterleitungen plus Kommentare, geteilt durch Aufrufe — kommt einem Vertrauensindex auf Telegram am nächsten. Ein Kanal mit 10.000 Abonnenten und 6% ERR erreicht etwas, was ein Kanal mit 100.000 Abonnenten und 0,8% ERR nicht schafft: Menschen so weit einzubinden, dass sie handeln.
- Über 5% ERR ist in den meisten Nischen stark — das Publikum reagiert aktiv, statt nur vorbeizuscrollen.
- 2-4% ERR ist Durchschnitt und für Werbeplatzierungen in der Regel akzeptabel.
- Unter 1% ERR deutet meist auf Bot-Abonnenten, ein eingeschlafenes Publikum oder Inhalte hin, die sich von dem entfernt haben, weswegen Leute ursprünglich abonniert haben.
Verfolge die ERR pro Beitrag, nicht nur als Monatsdurchschnitt. Ein einziger viraler Beitrag kann einen langsamen Rückgang des alltäglichen Engagements wochenlang verdecken.
View-through-Rate: Wer wirklich noch da ist
Teile die typische Aufrufzahl eines Beitrags durch die Gesamtzahl der Abonnenten. Diese View-through-Rate legt totes Gewicht in der Abonnentenliste offen — Accounts, die den Kanal stummgeschaltet, Telegram gelöscht oder Benachrichtigungen nie geöffnet haben. Ein Kanal, bei dem nur 15% der Abonnenten einen bestimmten Beitrag sehen, hat ein ganz anderes reales Publikum, als die Abonnentenzahl vermuten lässt — egal wie groß diese Zahl ist.
Beobachte dieses Verhältnis über die Zeit, nicht als einmalige Momentaufnahme. Ein stetiger Rückgang bedeutet meist, dass die Posting-Frequenz das tatsächliche Interesse überholt hat, oder dass der Kanal eine Charge minderwertiger Abonnenten aus einem Gewinnspiel oder einer Cross-Promotion aufgenommen hat.
Wachstumsrate: Netto-Zuwachs, nicht Brutto-Beitritte
Brutto-Beitritte sehen im Dashboard beeindruckend aus, sagen für sich genommen aber wenig aus. Entscheidend ist das Netto-Wachstum — neue Abonnenten minus abgesprungene —, denn Abwanderung bleibt oft unsichtbar, bis sie bewusst gemessen wird.
- Ein Kanal, der 500 Abonnenten pro Woche gewinnt und 400 verliert, wächst um 100 pro Woche, nicht um 500.
- Plötzliche Abwanderungsspitzen folgen meist auf einen bestimmten Beitrag, einen Tonwechsel oder mehr Werbung — das lohnt sich zu markieren und zu untersuchen, statt es zu ignorieren.
- Nachhaltige Kanäle verfolgen eine gleitende 30-Tage-Netto-Wachstumsrate statt einer einzelnen Wochenzahl, da einmalige Spitzen durch Gewinnspiele oder Cross-Posts kurze Zeiträume stark verzerren.
Welche Inhalte funktionieren — und wann sie gepostet werden
Inhaltstyp und Posting-Zeitpunkt sind die beiden Stellschrauben, die ein Kanalbetreiber tatsächlich kontrolliert, deshalb verdienen beide eine regelmäßige Überprüfung statt Bauchgefühl-Entscheidungen.
- Gruppiere aktuelle Beiträge nach Format (Kurznachricht, Meinung, Meme, ausführliche Analyse, Umfrage) und vergleiche die durchschnittliche ERR pro Format über die letzten 30-60 Tage, nicht nur die letzten paar Beiträge.
- Vergleiche die Performance nach Posting-Uhrzeit über mindestens zwei bis drei Wochen — ein starker Beitrag zu einer ungewöhnlichen Zeit ist Rauschen, ein Muster über viele Beiträge ist ein Signal.
- Achte auf Themenermüdung: Ein Thema, das vor einem Monat gut lief und jetzt stagniert, sollte rotiert, nicht wiederholt werden.
Weiterleitungsrate: das stärkste Signal für organische Reichweite
Weiterleitungen sind ein stärkeres Signal als Reaktionen oder Kommentare, weil sie den Leser mehr kosten — eine Weiterleitung bedeutet, dass jemand bewusst entschieden hat, den Inhalt vor den eigenen Kontakten zu platzieren und dabei ein Stück eigener Glaubwürdigkeit einzusetzen. Eine hohe Weiterleitungsrate wirkt kumulativ: Jeder weitergeleitete Beitrag ist eine kleine, kostenlose Werbung für den Kanal innerhalb einer vertrauensvollen Unterhaltung.
Reaktionen sind billig und meist reflexartig; Kommentare erfordern mehr Aufwand, bleiben aber innerhalb des Kanals; Weiterleitungen verlassen den Kanal und bringen neue Augen. Wenn die Weiterleitungsrate eines Beitrags deutlich über dem Kanal-Durchschnitt liegt, lohnt es sich, genau dieses Format und Thema bewusst zu wiederholen.
Mach daraus eine wöchentliche Routine
Dafür braucht es nicht mehr als eine Tabelle, die einmal pro Woche aktualisiert wird. Eine einfache Routine: ERR, View-through-Rate und Netto-Wachstum der Woche notieren; die drei besten und drei schlechtesten Beiträge nach ERR markieren; Format und Zeitpunkt notieren; die Weiterleitungsrate gezielt bei den Top-Beiträgen prüfen. Fünfzehn Minuten pro Woche, konsequent gemacht, zeigen Muster, die ein monatlicher Blick auf die Abonnentenzahl niemals aufdeckt.
Die Abonnentenzahl zählt weiterhin für den ersten Eindruck und erste Pitches, ist aber von diesen sechs Kennzahlen die schwächste, wenn es darum geht vorherzusagen, ob ein Kanal für Werbetreibende wirklich funktioniert — oder von selbst weiterwächst.